KZ-Gedenkort Waldbau

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich in Neubrandenburg das größte Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück – mit rund 7.000 Mädchen und Frauen aus ganz Europa. Sie mussten Zwangsarbeit in der Neubrandenburger Rüstungsindustrie leisten. Die Haftbedingungen waren katastrophal. Sklavenarbeit, Krankheiten, Hunger und Gewalt kosteten vielen Inhaftierten das Leben.

Ab März 1943 kamen die ersten KZ-Häftlinge nach Neubrandenburg. Der Barackenstandort lag in der Ihlenfelder Vorstadt in der Nähe des Stadtzentrums. Ab Herbst 1943 begann die Planung eines zweiten Standorts. Dieser wurde, um vor Bombenangriffen durch die Alliierten besser geschützt zu sein, halbunterirdisch in einem Waldgebiet an der Landstraße nach Neustrelitz errichtet. Aufgrund seiner Lage erhielt das Gelände den Decknamen „Waldbau“.

Während der erste Standort in der Ihlenfelder Vorstadt überbaut ist, ermöglicht ein Besuch des KZ-Gedenkortes Neubrandenburg-Waldbau interessierten Besucherinnen und Besuchern bis heute Einblicke in die Geschichte.

Der Gedenkort wurde im Jahr 2019 durch die RAA M-V, gefördert vom Land M-V, erschlossen. Seit 2023 ist die Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg Träger des Gedenkortes. Die THW Jugend, Ortsgruppe Neubrandenburg ist Pate für den KZ-Gedenkort. Seit 2022 engagiert sie sich für den Erinnerungsort und führt regelmäßige landschaftliche Pflegeeinsätze durch. 

Hinweis: Aufgrund der Lage in einem Sperrgebiet ist der Gedenkort ausschließlich im Rahmen von Führungen begehbar.

Chronik

1933   

Nach der Machtergreifung Hitlers im Juli 1933 beschließt Curt Heber, der über verschiedene Patente für Bombenabwurfgeräte verfügt, die von ihm entwickelten Geräte zukünftig auch selbst zu produzieren. Er gründet die Firma „Curt Heber – Mechanische Werkstätten“ in Berlin Britz. Das Unternehmen produziert ausschließlich im Auftrag der Luftwaffe.

1934   

Schnell zeigt sich, dass die Berliner Produktionsstätte zu klein ist. Da ein Ausbau dort von der Entwicklungsabteilung des Reichsluftfahrtministeriums untersagt wird, erwirbt Curt Heber im Januar das Gelände einer stillgelegten Kartoffelflockenfabrik in Neubrandenburg und errichtet in der Demminer Straße ein modernes Werk für den serienmäßigen Bau der Bombenabwurfgeräte. Neubrandenburg wird zum Hauptstandort der Mechanischen Werkstätten.

1937   

Das Werk geht in staatlichen Besitz über. Es erfolgt eine Namensänderung in „Mechanische Werkstätten Neubrandenburg GmbH (MWN)“.

1941   

Die MWN eröffnen eine Zweigniederlassung in Warschau. Dies ist nach den Werken in Berlin und Neubrandenburg der dritte Firmensitz.

1943   

Die MWN setzen Häftlinge aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück als Arbeitskräfte in der Produktion ein. Sie ergänzen zivile Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, die bereits zuvor aus Mangel an deutschen Arbeitskräften eingesetzt wurden.

Da die Luftangriffe der Alliierten auf Deutschland zunehmen, wird im Herbst mit dem Bau eines geheimen Produktionsstandorts im Wald südlich von Neubrandenburg begonnen. Die Fabrikation in Berlin-Britz wird aufgelöst.

1944

Im Mai beginnt die Produktion von Teilen für die V1 und das Volkssturmgewehr im Waldbau. Ab Sommer 1944 werden etappenweise um die 2.000 weiblichen KZ-Häftlinge an den neuen Standort verlegt. Viele der Maschinen, Materialien und auch Betriebspersonal stammen aus dem Werk in Warschau, welches im August geschlossen wurde.

1945

Am 27. April werden die Häftlinge des KZ-Außenlagers Neubrandenburg evakuiert und auf Todesmärsche über Waren nach Malchow und von dort Richtung Parchim geschickt. Nachdem sich die Wachmannschaften absetzen, sind die Häftlinge frei.
Ein Teil der im Krankenrevier verbliebenen Personen werden durch das Schwedische Rote Kreuz im Rahmen der Rettungsaktion „Weiße Busse“ am 28. April evakuiert. Nur einen halben Tag später besetzt die sowjetische Armee die Stadt. 

Nach 1945/1950er Jahre 

Wertvolle Maschinen, Materialien und Teile des Fachpersonals der Mechanischen Werkstätten werden als Reparationen in die Sowjetunion gebracht und Reste des Lagers in der Ihlenfelder Straße abgerissen. Waldbau wird 1952 zum Sperrgebiet des Rüstungsunternehmens VEB Reparaturwerkstätten Neubrandenburg (RWN) erklärt.

1970er Jahre

Der Standort Ihlenfelder Straße erhält 1975 eine Gedenkplatte und daraufhin auch ein Ausstellungszimmer, welches durch das Historische Bezirksmuseum Neubrandenburg betreut wird. Am Grab von 99 KZ-Häftlingen an der Gedenkanlage des Frauenehrenmals wird die Skulptur „Die Mutter“ von Arndt Wittig aufgestellt. Ganz in der Nähe verwirklicht der Künstler zudem das Betonrelief „Ravensbrück“.

1991

Das Ausstellungszimmer in der Ihlenfelder Straße wird aufgelöst.  

Ab 1999

Das Neubrandenburger Stadtarchiv organisiert mit Unterstützung der Stadtvertretung Begegnungen mit ehemaligen Häftlingen des Kriegsgefangenenlagers, des KZ-Außenlager und mit zivilen Zwangsarbeitern aus Frankreich, den Niederlanden, Russland, Polen, der Ukraine und Belarus. Die Begegnungen finden in Neubrandenburg statt und werden bis 2010 fortgeführt.

2008

Der Lehrpfad „Zwangsarbeit in der Nordstadt Neubrandenburgs“ als Teil der Serie „Spurensuche – Orte der Gewalt“ wird eingeweiht. Er markiert historische Orte und informiert auf mehreren Informationsstelen über die Geschichte des KZ-Außenlagers und der zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

2010

Die Gedenktafel in der Ihlenfelder Straße wird wegen Baufälligkeit des Gebäudes abgenommen und im Regionalmuseum eingelagert.

2015

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück wird die Skulptur „Die Trauernde“ des Rostocker Bildhauers Wolfgang Friedrich eingeweiht. Der Demokratische Frauenbund, die Kurt-und-Herm-Römer Stiftung, der Fürstenberger Förderverein Ravensbrück, die Stadt Neubrandenburg und viele Spender haben dies ermöglicht.

2018

Am Frauenehrenmal wird eine Gedenkplatte mit den Namen der weiblichen KZ-Häftlinge eingeweiht. Durch Forschungsarbeiten des Stadtarchivs konnten die Namen ermittelt werden. 

2019

DasWaldbau-Gelände wird im Rahmen eines Projekts der RAA Mecklenburg-Vorpommern e. V., gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung und die Freudenberg Stiftung, unter Beteiligung von zahlreichen Engagierten als Gedenkort erschlossen. Die RAA M-V e. V. übernimmt die Trägerschaft.

2020

Acht Plastiken der deutsch-namibianischen Künstlerin Imke Rust, die sogenannten „Frauenkammsilhouetten“ werden am Gedenkort KZ-Außenlager Neubrandenburg (Waldbau) aufgestellt. Die Umsetzung erfolgt durch die RAA M-V e. V. mit finanzieller Förderung der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern.

2021

Die „Namenstropfeninstallation“ der Künstlerin Imke Rust wird auf dem Gelände des KZ-Außenlagers Neubrandenburg (Waldbau) unter Beteiligung von zahlreichen Freiwilligen fertiggestellt. Auf bunten Plexiglastropfen sind die ersten 500 Namen mit Lebensdaten von ehemals Inhaftierten zu lesen. Erwachsene und Jugendliche gravierten diese zuvor mit Feinbohrschleifern in die Tropfen.

2022

Die THW-Jugend, Ortsgruppe Neubrandenburg übernimmt die offizielle Patenschaft zur Pflege des Gedenkortes.

2023

Die Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg unterzeichnet einen Vertrag mit der Landesforst Mecklenburg-Vorpommern und löst die RAA M-V als Träger für den KZ-Gedenkort ab. Die RAA wird zukünftig weiterhin als Bildungspartner tätig sein. 

Führungen

Führungen und pädagogische Formate zum KZ-Gedenkort werden durch die Vier-Tore-Stadt und die RAA M-V angeboten. Zwischen der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg und der RAA M-V besteht eine Bildungspartnerschaft für den KZ-Gedenkort.

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